Rituale sind eine Lebenshilfe. Sie sind etwas, woran man sich festhalten kann gerade dann, wenn man vor unerwarteten Anforderungen steht, wenn der Alltagstrubel einen gefangen nimmt oder man in einer Zeit, in der sich vieles immer schneller verändert, nach etwas Beständigem sucht. Sie tun gut. Sie werden vollzogen, ohne dass man viel nachdenken muss. Sie stiften Gemeinschaft mit anderen, die dasselbe Ritual vollziehen.

So groß ist der Wunsch nach Ritualen, dass Menschen dort, wo sie keine in einer Tradition verankerten Rituale kennen, sich neue schaffen. Wenn religiöse Rituale verkümmern, verlieren sie an Kraft. Denn wenn mein Glaube mir Kraft geben soll, brauche ich die Vergewisserung, dass Gott da ist, sei es durch das abendliche Gebet oder durch den sonntäglichen Gottesdienst, oder auch nur durch das ein-minütige Glockenläuten von unserem Kirchturm um 12 und um 18 Uhr.

Ich erinnere mich an einen Besuch bei einer schwerkranken Frau während meines Studiums; im Rahmen der Seelsorgeausbildung besuchte ich sie in der Göttinger Universitätsklinik. Ich versuchte, im Krankenzimmer ein Gespräch anzufangen, doch die Frau antwortete mit keinem einzigen Wort. Nach einigen eher belanglosen Sätzen meinerseits fragte ich, sozusagen als letzten Versuch, ob wir beten möchten. Daraufhin faltete die Frau, die im übrigen regungslos in ihrem Bett lag, die Hände. Ich sprach das Vater-Unser, und am Ende sagte sie laut und vernehmbar „Amen“. Es war das einzige Wort, das sie während meines Besuches sagte. Für mich war das eine sehr eindrückliche Begegnung, die mir zeigte: Rituale tragen, wenn anderes versagt. Aber sie wirken natürlich nicht nur in schlimmen und außergewöhnlichen Situationen.

Manche Christen haben es zu einem Ritual werden lassen, bei der morgendlichen Wäsche im Badezimmer sich dreimal das Gesicht mit einer Handvoll Wasser zu erfrischen und dabei still für sich zu sagen: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Auf diese Weise an die Nähe Gottes erinnert können sie dann getrost in den neuen Tag starten. Andere schauen während ihrer alltäglichen Arbeit zwischendurch zum Himmel und empfinden dies als ein stummes Dankeschön an Gott, oder je auch Situation auch als Vergewisserung dessen, dass Gott da ist.

Auch der Gottesdienst am Sonntag ist ein Ritual, das gemeinsam gesprochene Glaubensbekenntnis und Vater-unser, der Segen, das Abendmahl. Taufe und christliche Beerdigung gehören ebenso dazu wie der Segen zur Einschulung, Konfirmation und Trauung. Übrigens: Wer das Abendmahl feiern möchte, aber nicht mehr in den Gottesdienst kommen kann, kann das Abendmahl auch zu Hause feiern. Für diese Fälle gibt es in jeder Gemeinde einen kleinen „Abendmahlskoffer“, mit dem der Pastor oder die Pastorin auf Wunsch ins Haus kommt.

Wie auch immer ein christliches Ritual aussieht und begangen wird: Sie vergewissern einen der Nähe Gottes. Sie drücken aus, dass nicht Termine und auch nicht die Erwartungen anderer Menschen uns bestimmen, sondern Gott der Herr unseres Leben ist. Sie geben dem Leben eine heilsame Struktur. Sie schaffen eine positive Grundstimmung und stärken das Gefühl von Freiheit, Freude und Lust am Leben.